Brandbericht aus Schlüsselburg

Aus „Der Mindischen Kirchengeschichte,

Dritten Theils, Viertes Stück“

zusammengetragen von Anton  Gottfried Schlichthaber

Gedruckt auf Kosten des Auctoris in Minden 1753

 

XXX. Schlüsselburg

Ein von Minden drey Meyle [häufig um 71/2 km (1/15 Äquatorialgrad) oder über 9 km, aus WIKIPEDIA –Alte Maße und Gewichte-] an der Weser gelegenes Flecken, hat den Nahmen von denen Schlüsseln, welche selbiges im Wappen führet, daher, weil Wilhelm von Busch, Bischof zu Minden, 1400 diesen Ort zu einer Stadt; oder vielmehr zu einem Wichbild [Wichbild (Weichbild): Regional unterschiedliche Bezeichnung für Gemeindewesen, so zum Beispiel mittelalterliche Bezeichnung für größere Gemeinden/Siedlungen mit stadtähnlichem Recht/Gerichtsbarkeit] .gemacht hat, wie denn auch oben der Kirchthür daselbst ein doppelter Schlüssel mit der Jahr=Zahl 1585 zu sehen ist, welcher auch auf der 1658 gegossenen grossen Glocke stehet. Das Flecken selbst ist in zwei Theile, jedoch in einer Ringmauer liegend, getheilet, der erste und zwar der grösseste, führet schlechthin den Nahmen Schlüsselburg. Das Flecken hat seinen besonderen Magistrat, der andere Theil hiesigen Fleckens ist nicht so groß, wie ersterer, und wird genand die Vorburg Schlüsselburg, darauf die Kirche und das Königliche Schloß stehen, hat auch seinen besonderen Magistrat, die Wahl eines neuen Bürgermeisters hat allemahl den Montag nach H. drey Könige zum Ziel.

Das dasige Schloß ist 1335 von Ludwig, Herzogen von Lüneburg und Braunschweig, 39 Bischof in Minden, erbauet, die Kirche ist 1346 gebauet, und weil sie damals ein Filial von Heimsen war, ist sie 1585 zur Parochial-Kirche [Als Parochialkirche (Pfarrkirche) bezeichnet man die Mutter- oder Hauptkirche einer Pfarrgemeinde (= Parochie, von lat. parochia). Im Gegensatz dazu wird die Filialkirche von hier aus betreut. (aus WIKIPEDIA)]   gemacht, es ist also diese Kirche a tempore fundatæ Parochæ Lutherisch gewesen.

Hierher gehöret Schlüsselburg, und das kleine Dorf Röhde, in allen 145 poffessionirte, nebst Hepkens Hof, und in Döhren das Wartenslebische Adeliche Gut. Mithin nur eine Schule, welche der Küster mit beachtet, neben diesem ist ein Organist; nahe vor dem Flecken in dem kleinen Dorfe Röhden ist der Kirchhof, worauf eine Capelle stehet, darin die Leichen=Predigten gehalten werden, eben der einen Thür dieser Capelle stehen folgende Worte: „diese Capelle hat die Seel. Frau Landtdrostin Getrauet von Münnich zu Gottes Ehren bauen lassen im Jahre 1659. Des Gerechten wird nimmer vergessen, Ps.112.

Patronius ist ohnstreitig der Landes=Herr. Wegen der vielen hier gewesenen Feuers-Brünste

sind die Nachrichten von denen ersten Predigern nach der Reformation verlohren gegangen.

Denn so schreibet zeitiger Pastor Lüdden den 27 Nov. 1751 an mich: es hat dieses gute Flecken, welches ehedem den Nahmen des schönen Fleckens Schlüsselburg geführet, klagenswürdige Fatalitæten gehabt.

1617 den 4 Sept. ist es durch eine heftige Feuers=Brunst solcher Gestalt zum Stein= und Aschhauffen gemacht, dass nichts stehen geblieben als die Kirche, das Königliche Amtshauß, ein Büger= und ein Backhauß, weshalb dann die Bürger, weil sie gegen den kalten Winter so bald nicht konten zu Häusern wieder kommen, in Hütten haben wohnen müssen, weil sie nun so hart durch solch verzehrendes Feuer von dem gerechten Gott eingesuchet, haben sie vor sich und alle Nachkommen angeordnet: daß jährlich der vierte Tag Septembr. Ein Brand=Gedächnis=Tag seyn sollte, und gefeyert werden, ist auch daß bisher mit der allergrössten Devotion heilig und herrlich gefeyert worden, werden auch von solcher Feyer nicht abstehen.

1620 ist alles, was mit grossen Kosten wieder auferbauet, durch die verderbliche Feuers=Glut wieder zum Asch= Hauffen worden.

1621 sind wieder die Helfte der Häuser in den Grund abgebrand.

1686 hat dieses gute Flecken abermahls das Unglück gehabt, dass 81 Wohnhäuser eingeäschert, welches auch mit betroffen den damaligen Prediger Rudolph Wilhelm Lüdden, welcher Haus, und alles was darinn gewesen, verlohren.

Da er sobald nicht gehabt, worin er seine Retirade (Retirade, Rückzug, Zufluchtsort,  aus Oekonomische Encyklopädie von J. G. Krünitz)

Wieder nehmen können, hat ihn der seel. Droste Johan Philipp von dem Busch mit Frau und Kindern auf das Königliche Schloß genommen, bis er eine Wohnung wieder bekommen.

1696 giengen von denen wieder aufgebaueten Häusern 35 im Feuer abermahlen auf.

1711 in  der Nacht vor dem Neuen=Jahr sind 50 Gebäude Pfarr= und Schul=Häuser auch Vorwerkercker auf dem Königlichen Schlosse der verzehrenden Feuer=Flamme zu theil geworden, zeitiger Pastor Jobst Conrad Lüdden, weil er durch solches Feuer auf der Pfarre delogiret (vertrieben ohne Unterkunft) wurde, und seine schöne Bibliothec, ausgenommen die Bibel und zwey Commentarien auch academische Mstra im Feuer muste aufgehen sehen, flüchtete er auf die Königliche Weyde, biß das Feuer etwas gedämpfet, an statt daß die Klocken an solchen Neu=Jahrs=Tage zur Kirche leuten sollten, wurde damit den ganzen Neu=Jahrs=Tag Sturm geschlagen. Weil das Schulhausmit abgebrand, muste die Schule, auf hiesigen Raths=Keller gehalten werden.

Vorgeschriebenes alles ist aus hiesigen Kirchen=Buche extrahiret.

P.S. die Kirche ist in allen Feuer=Unglücks-Fällen, Gott sey ewig danck! Stehen geblieben.

                                               (Jobs Conrad Lüdden)

 

Brandbericht aus Schlüsselburg

Aus „Der Mindischen Kirchengeschichte,

Dritten Theils, Viertes Stück“

zusammengetragen von Anton  Gottfried Schlichthaber

Gedruckt auf Kosten des Auctoris in Minden 1753

 

XXX. Schlüsselburg

Ein von Minden drey Meyle (häufig um 71/2 km (1/15 Äquatorialgrad) oder über 9 km, aus WIKIPEDIA –Alte Maße und Gewichte-) an der Weser gelegenes Flecken, hat den Nahmen von denen Schlüsseln, welche selbiges im Wappen führet, daher, weil Wilhelm von Busch, Bischof zu Minden, 1400 diesen Ort zu einer Stadt; oder vielmehr zu einem Wichbild [Wichbild (Weichbild): Regional unterschiedliche Bezeichnung für Gemeindewesen, so zum Beispiel mittelalterliche Bezeichnung für größere Gemeinden/Siedlungen mit stadtähnlichem Recht/Gerichtsbarkeit.] gemacht hat, wie denn auch oben der Kirchthür daselbst ein doppelter Schlüssel mit der Jahr=Zahl 1585 zu sehen ist, welcher auch auf der 1658 gegossenen grossen Glocke stehet. Das Flecken selbst ist in zwei Theile, jedoch in einer Ringmauer liegend, getheilet, der erste und zwar der grösseste, führet schlechthin den Nahmen Schlüsselburg. Das Flecken hat seinen besonderen Magistrat, der andere Theil hiesigen Fleckens ist nicht so groß, wie ersterer, und wird genand die Vorburg Schlüsselburg, darauf die Kirche und das Königliche Schloß stehen, hat auch seinen besonderen Magistrat, die Wahl eines neuen Bürgermeisters hat allemahl den Montag nach H. drey Könige zum Ziel.

Das dasige Schloß ist 1335 von Ludwig, Herzogen von Lüneburg und Braunschweig, 39 Bischof in Minden, erbauet, die Kirche ist 1346 gebauet, und weil sie damals ein Filial von Heimsen war, ist sie 1585 zur Parochial-Kirche [Als Parochialkirche (Pfarrkirche) bezeichnet man die Mutter- oder Hauptkirche einer Pfarrgemeinde (= Parochie, von lat. parochia). Im Gegensatz dazu wird die Filialkirche von hier aus betreut. (aus WIKIPEDIA)]  gemacht, es ist also diese Kirche a tempore fundatæ Parochæ Lutherisch gewesen.

Hierher gehöret Schlüsselburg, und das kleine Dorf Röhde, in allen 145 poffessionirte, nebst Hepkens Hof, und in Döhren das Wartenslebische Adeliche Gut. Mithin nur eine Schule, welche der Küster mit beachtet, neben diesem ist ein Organist; nahe vor dem Flecken in dem kleinen Dorfe Röhden ist der Kirchhof, worauf eine Capelle stehet, darin die Leichen=Predigten gehalten werden, eben der einen Thür dieser Capelle stehen folgende Worte: „diese Capelle hat die Seel. Frau Landtdrostin Getrauet von Münnich zu Gottes Ehren bauen lassen im Jahre 1659. Des Gerechten wird nimmer vergessen, Ps.112.

Patronius ist ohnstreitig der Landes=Herr. Wegen der vielen hier gewesenen Feuers-Brünste

sind die Nachrichten von denen ersten Predigern nach der Reformation verlohren gegangen.

Denn so schreibet zeitiger Pastor Lüdden den 27 Nov. 1751 an mich: es hat dieses gute Flecken, welches ehedem den Nahmen des schönen Fleckens Schlüsselburg geführet, klagenswürdige Fatalitæten gehabt.

1617 den 4 Sept. ist es durch eine heftige Feuers=Brunst solcher Gestalt zum Stein= und Aschhauffen gemacht, dass nicht s stehen geblieben als die Kirche, das Königliche Amtshauß, ein Büger= und ein Backhauß, weshalb dann die Bürger, weil sie gegen den kalten Winter so bald nicht konten zu Häusern wieder kommen, in Hütten haben wohnen müssen, weil sie nun so hart durch solch verzehrendes Feuer von dem gerechten Gott heimgesuchet, haben sie vor sich und alle Nachkommen angeordnet: daß jährlich der vierte Tag  Septembr. Ein Brand=Gedächnis=Tag seyn sollte, und gefeyert werden, ist auch daß bisher mit der allergrössten Devotion heilig und herrlich gefeyert worden, werden auch von solcher Feyer nicht abstehen.

1620 ist alles, was mit grossen Kosten wieder auferbauet, durch die verderbliche Feuers=Glut wieder zum Asch= Hauffen worden.

1621 sind wieder die Helfte der Häuser in den Grund abgebrand.

1686 hat dieses gute Flecken abermahls das Unglück gehabt, dass 81 Wohnhäuser eingeäschert, welches auch mit betroffen den damaligen Prediger Rudolph Wilhelm Lüdden, welcher Haus, und alles was darinn gewesen, verlohren.

Da er sobald nicht gehabt, worin er seine Retirade (Retirade, Rückzug, Zufluchtsort,  aus Oekonomische Encyklopädie von J. G. Krünitz)

Wieder nehmen können, hat ihn der seel. Droste Johan Philipp von dem Busch mit Frau und Kindern auf das Königliche Schloß genommen, bis er eine Wohnung wieder bekommen.

1696 giengen von denen wieder aufgebaueten Häusern 35 im Feuer abermahlen auf.

1711 in  der Nacht vor dem Neuen=Jahr sind 50 Gebäude Pfarr= und Schul=Häuser auch Vorwerkercker auf dem Königlichen Schlosse der verzehrenden Feuer=Flamme zu theil geworden, zeitiger Pastor Jobst Conrad Lüdden, weil er durch solches Feuer auf der Pfarre delogiret (vertrieben, ohne Logie / Unterkunft)

Wurde, und seine schöne Bibliothec, ausgenommen die Bibel und zwey Commentarien auch academische Mstra im Feuer muste aufgehen sehen, flüchtete er auf die Königliche Weyde, biß das Feuer etwas gedämpfet, an statt da0 die Klocken an solchen Neu=Jahrs=Tage zur Kirche leuten sollten, wurde damit den ganzen Neu=Jahrs=Tag Sturm geschlagen. Weil das Schulhaus mit abgebrand, muste die Schule, auf hiesigen Raths=Keller gehalten werden.

Vorgeschirebenes alles ist aus hiesigen Kirchen=Buche extrahiret.

P.S. die Kirche ist in allen Feuer=Unglücks-Fällen, Gott sey ewig danck! Stehen geblieben.

                                                                                  (Jobs Conrad Lüdden)